• Die Herausforderung

    Deutschlands Schulsystem steht vor einer Herausforderung. 

     

    In den letzten hundert Jahren hat sich nicht viel getan: immer noch erklärt der Lehrer 25 Schülern ein Thema, unabhängig davon, ob die Schüler das wollen oder nicht. Unabhängig von ihrem Niveau. Egal, wo die Bedürfnisse der Kinder liegen. Der Stoff wird von A bis Z durchgezogen. Lernen muss halt sein. Und Lernen funktioniert nur durch Anstrengung und (Selbst)Zwang. Lernen ist Arbeit und man muss Kinder dazu bringen.  

     

    Diese Grundannahmen sind verkehrt. Denn gutes Lernen funktioniert dann, wenn wir von einer Sache begeistert sind. Wenn wir Freude daran haben, diese neue Sache zu erkunden. Das kennen wir alle aus der Schule oder der Ausbildung: wenn wir uns für etwas interessieren, geht das Lernen leicht von der Hand. Auch der Urmensch lernte im Spiel, durch Imitation und Ausprobieren. Ohne Schule, ohne Lehrer. Beispielsweise das Jagen mit Pfeil und Bogen – eine hochkomplexe Angelegenheit, die erst spielerisch mit anderen Kindern erlernt wird, um sie später auf der Jagd anzuwenden. 

     

    Erst unsere Zivilisation hat aus dem spielerischen Lernen etwas anstrengendes, trockenes und langweiliges gemacht. Der Lernstoff muss „gebüffelt“ werden, die Vokabeln eingeprügelt und die Fakten im Kurzzeitgedächtnis bis zur Prüfung gehalten. Dann wird der Inhalt in der Prüfung ausgespuckt und alles wieder vergessen. Lernen passiert nicht mit Freude, sondern unter Zwang und Druck durch Bewertung. 

     

    Wenn Schüler die Anforderungen nicht erfüllen, werden sie schlecht bewertet. Anforderungen, denen sie nur gerecht werden können, indem sie das verleugnen, was sie sind: Spielende Wesen, die frei die Welt entdecken wollen. Fühlende Wesen, die für das geliebt werden wollen, was sie sind. Und nicht für das, was sie leisten. Soziale Wesen, die ihr Umfeld verändern wollen. 

     

    Was passiert, wenn Kinder jahrelang vermittelt bekommen: Lernen ist harte Arbeit. Du bist nur gut genug, wenn Du leistest, was erwartet wird. Du kannst nichts verändern. Du wirst nicht gehört?

     

    Dann kommen aus unseren Schulen viele frustrierte junge Menschen. Junge Menschen, die ein Jahr Pause brauchen nach dieser Tortur. Junge Menschen, die glauben, sie könnten nichts, weil sie die Anforderungen nicht erfüllen konnten! Junge Menschen, die unsere Zukunft sind! Die glauben sie sind wertlos, weil sie keine großartigen Essays schreiben können. Weil ihnen vor einer Klasse reden schwerfällt. Junge Menschen, die schon lange nicht mehr die Welt ändern wollen, weil sie nie Selbstwirksamkeit erfahren haben. 

     

    Und das hat Konsequenzen: Der Nichtwähleranteil bei den 21-25 Jährigen ist mit knapp 65% enorm. Das gefährdet unsere Demokratie! Wenn die nächste Generation kein Interesse daran hat, an der Gestaltung unseres Landes mitzuwirken, verlieren wir unsere zukünftige Basis. 

     

    Aber woher soll das Interesse kommen? Die Schule ist widersprüchlich in sich.
    Sie predigt auf der einen Seite Mitbestimmung, Partizipation am gesellschaftlichen Leben. Auf der anderen Seite haben vor allem jüngere Kinder keinen Einfluss auf ihren Schulalltag. Sie predigt selbstständiges und kritisches Denken und straft Querdenker und Freigeister ab. Sie gibt ihnen das Gefühl, nicht selbst zu wissen, was gut für sie ist. Indem sie Eigenverantwortung und Selbstständigkeit predigt, aber den gesamten Alltag vorgibt. Wie sollen die Kinder so Eigenständigkeit und Selbstwirksamkeit lernen?

     

    Stell dir vor, dein Chef wäre wie ein Lehrer und deine Arbeit wie eine Schule. Alles was Du sagst und tust, wird nach undurchsichtigen Bewertungsmustern bewertet und Du wirst mit deiner Leistung vor den Kollegen bloßgestellt. Du darfst nur in den Pausen auf Toilette. Und die Pausen sind dann, wenn der Chef oder die Klingel es sagen. Wenn Du reden willst, musst Du dich melden. Wenn Du eine Frage hast, musst Du sie vor der ganzen Belegschaft stellen und wirst womöglich vom Chef ausgelacht. Wenn Du dich nicht so benimmst, wie der Chef es sagt, bekommst Du eine Strafe. Und Du hast keine Möglichkeit, den Status Quo anzugreifen. 

     

    Kommt dir das bekannt vor? So ähnlich waren die Arbeitsbedingungen der Industrialisierung – einer Zeit, aus der auch unser Schulsystem stammt. Einer Zeit in der Gehorsamkeit wichtiger war als Kreativität und Individualität. Diese Zeit ist längst vorbei. 

     

    Wir brauchen immer weniger Menschen, die stumpf Aufgaben abarbeiten – den diese werden von Maschinen übernommen. Trotzdem bereitet das Schulsystem immer noch auf die Herausforderungen des 19. Jahrhunderts vor.

     

    Wir brauchen Menschen, die komplexe Probleme kreativ lösen, die selbständig agieren, in Teams arbeiten und diese auch führen können. Menschen, die nicht nur Arbeitsblätter ausfüllen – denn im echten Leben gibt es keine Arbeitsblätter. 

     

    Und wie kann es sein, dass wir zwischen Schule und dem echten Leben unterscheiden? Wenn die Schule auf das echte Leben vorbereitet, sollte diese ihm dann nicht so nahe wie möglich kommen? Sollte sie nicht schon echtes Leben sein?

     

    Doch wie bringen wir das Schulsystem wieder auf die Höhe der Zeit? Wie meistern wir diese Herausforderung? Wie können wir dafür sorgen, dass die Schüler, die die Schule verlassen, bereit sind für die Gesellschaft und Demokratie von Heute und die Probleme von morgen? 

     

    Das ist unser Ansatz!